Rotlicht
23 February 2007 | Daily, Kultur, KL sightseeing | No Comments
Falls ihr es noch nicht wusstet, wir wohnen hier im Rotlichtviertel. Das soll jetzt nicht heißen, daß unser ehrwürdiges Angkasa Impian ein riesen Puff ist, weit verfehlt. Aber direkt angrenzend beginnt der etwas verruchtere Teil von Bukit Bintang. Wenn man quer von der Tengkat Tong Shin über die Jalan Alor bis hinter die Jalan Bukit Bintang in Richtung Plaza Low Yat geht, dann wird einem schon deutlich was sich so in den Hinterhöfen abspielt. Wer zum Beispiel denkt, daß er beim Betreten des “Executive Health Clubs” in gediegener Atmosphäre ein Pediküre bekommt, der irrt sich.
Hinter dem etwas gehobenen Namen verbirgt sich nämlich fast immer ein ganz gewöhnlicher asiatischer Massagesalon, in dem die Massage im Grunde nur ein Bruchteil der angebotenen Dienste darstellt. Dazu kommen noch etliche zwielichtige Hotels, die irgendwie so gar nicht neben die glänzenden Marriots und Shangri-La’s passen. Was sich hinter den vergammelten 70er Jahre-Vorhängen passiert könnt Ihr Euch also vorstellen. Manch dieser Orte erinnern an irgendwelche alten Kung-Fu Filme, und man wäre auch nicht überrascht wenn plötzlich drei Chinesen mit Schnurrbärten und Nun-Cha-Ku per Salto hinter einer Wand hervorspringen würden und wild durch die Gegend fuchteln würden (Plattfuß in Hong Kong lässt grüßen). Aber so weit ist es noch nicht gekommen.
Der Red Light District hat natürlich auch seine Persönlichkeiten. Nicht daß hier die Zuhälter im rosa Cadillac herumfahren, es sind eher diskrete Arbeiter, die anscheinend auch einem gewissen Berufsethos folgen. So zum Beispiel Mr. Lee (den nenn’ ich jetzt einfach mal so), dessen Revier die Tengkat Tong Shin ist. Der kleine kräftige Chinese, den ich wegen seines Buckels den “Glöckner der Tengkat Tong Shin” nenne, ist auf dieser Straße praktisch gesehen zuhause. Man sieht ihn fast immer, und aus diesem Grund kann man ziemlich genau seinen Tagesablauf beschreiben.
Sein Geschäft unterteilt sich in zwei Tätigkeitsfelder: Zum einen das Vermitteln von Kontakten zu jungen Damen gegen Gebühr (Proxenetismus), zum anderen das Lotsen von Kraftfahrzeugen in freie Parkplatzlücken (das sogenannte “Einwinken”). In welchem dieser beiden Geschäftzweige Mr. Lee nun erfolgreicher ist kann man nur sehr schwer beurteilen. Nur am Rande: er trägt keinen Anzug, keine goldene Uhr und sieht auch nicht unbedingt so aus als würde die tägliche Dusche in seinen Tagesablauf passen (Termine, Termine). Auf jeden Fall versucht Mr. Lee alles, um den Erfolg herbeizuführen. Dazu gehört sein täglicher Gang zum Schrein am Straßenrand, (was heißt Gang, er steht eigentlich immer am Schrein) wo er seine Opfer darlegt (Süssigkeiten, Lollis etc..), Räucherstäbchen anzündet und auch symbolisch Papiergeld verbrennt (gibts im Laden nebenan). Ob er jetzt dabei spezifisch einen Unterweltsgott anspricht, bleibt sein Geheimnis.
Doch wie arbeiten Mr. Lee und seine Kollegen? Ganz einfacht - direktes Kundenanwerben. So wie Mr. Lee gibt es viele ältere Herren, die einem in aller Diskretion Angebote machen. Wenn man trotz entschlossenen Schrittes die Jalan Bukit Bintang entlangschreitet, kommen einem immer wieder gewisse “Pssst! Ladies?” oder ähnliches zugeflogen. Während man als naiver Neuling noch erschrocken davonläuft, entwickelt man als routinierter Rotlichviertelbewohner ein gewisses Verständnis für die alten Männer, und sogar einen Sinn für Humor im Ablehnen der Angebote. Zum Beispiel: “Pssst… very young Ladies!” - “Oh, I only like the very old ones!” und weg.
Oder letztens, als Mr. Lee mich zum wiederholten mit starrem Blick anfauchte: “You want Pussy?!” - “Oh, i love cats!” und weg. Vielleicht hat er ja als Parklplatzeinwinker mehr Erfolg.
Je dunkler es wird in unserem Rotlichtviertel, desto aktiver werden seine Darsteller, die langsam aus dem Untergrung herauskommen. Bei uns um die Ecke sitzen dann die reifen Freudendamen wie gestrandete Walroße, und man wundert sich ob sie eigentlich zur Abschreckung dienen oder ob tatsächlich jemand an ihren Diensten interessiert ist. Man trifft auch Ladyboys, die gelangweilt auf dem Gehweg schlendern, und ab und zu sogar so etwas wie Kundschaft.
Im Großen und Ganzem befindet sich unser Rotlichtviertel aber im steten Fall. Gute Restaurants locken eine andere Kundschaft an, und langsam aber sicher ziehen sich die Zuhälter zurück. Bukit Bintang’s Schmuddelimage lebt von der Vergangenheit, vom Hörensagen vieler Malaysier, die seit einigen Jahren nicht dort waren und so den Mythos am Leben erhalten. Unser Rotlichviertel ist halt ein ganz harmloses, fast schon niedlich.
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