Penang Thaipusam

4 February 2007 | Reisen, Kultur | No Comments

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Am Donnerstag hat das traditionelle indische Fest Thaipusam begonnen, einer der größten Feiertage für die indische Community in Malaysia (zwar ein Minderheit, aber immerhin die drittgrößte Volksgruppe), und gleichzeitig einer der spektakulärsten für nicht-Inder. Um den Festivitäten beizuwohnen lud uns Sarvin zu einer Fahrt auf die Insel Penang ein, wo der Touristenandrang nicht so groß wie in KL sein sollte.

Nach viereinhalb Stunden Fahrt über die einizige Autobahn Malaysias (die von der Qualität her auch in Europa stehen könnte) erreichten wir die Insel und quartierten uns im zauberhaften Hotel Continental ein, ausgestattet im Stile der 80er (oder 70er), mit einer ausserordentlich gut funktionierenden Zentralklimaanlage (wie kann man die ausmachen?) und auch ein paar netten Gesellen mit Fühlern (aber nicht in meinem Zimmer, hehe). Aber was will man mehr für 80,- RM und für ein Bett in dem man nur 5 Stunden schläft.

Also erstmal ab zum essen gegenüber bei Sup Hameed, der viele leckere Suppen im Angebot hat, zum Beispiel Rind, Schaf und.. Beef Torpedo? Nach kurzer Nachfrage ergibt sich, daß es sich hierbei um Stiergenitalien handelt. Na ja, brauchen wir ja heute nicht unbedingt, komm dann in 40 Jahren nochmal. Danach noch ein wenig Nachtleben bei den “Slippery Senoritas”, eine Bar die von einem Freund von Sarvin geführt wird. Doch trotz geschenkter Absolutflasche blieben wir nicht allzulange, das Donnerstagsprogramm mit der Thaipusam Prozession sollte nämlich um 7 schon beginnen. Also eine kurze Nacht, die durch die sprechende Zentralklimaanlage (schon mal ein Gespräch durch eine Klimaalage geführt? Ich schon) noch küzer wurde. Zum Glück konnte ich dem Vater im Stockwerk drüber auf malaiisch erklären, daß er doch bitte nicht um zwei Uhr nachts mit seinem kleinen Baby spielen soll. Wir haben es trotzdem geschafft früh genug aufzustehen und machten uns auf den Weg um Thaipusam zu erforschen.

Doch was ist eigentlich Thaipusam? Um es kurz zu erklären, müssen wir einen kleinen Ausflug in die indische Mythologie machen. Und zwar wurden die beiden Götterbrüder Ganesha (Der mit dem Elephantenkopf, sehr beliebt) und Murugan (wird eher so ausgesprochen: “Murrrrga”) von Ihren Eltern auf die Probe gestellt. Sie sollten die Welt so schnell wie möglich umrunden. “Murrrgan” ist sofort abgedüst um als Erster anzukommen, aber Ganesha hat erstmal abgewartet, gegrübelt und dann seine Eltern umrundet und gemeint sie wären die Welt für Ihn. Bingo! Das hat gewirkt und “Murrrgan” hat ganz schön aus der Wäsche geschaut als er hächelnd von seiner Weltumrundung zurückkam. Weil er supersauer war hat er sich beleidigt auf einen Berg zurückgezogen und (nein, nicht die Luft angehalten) schliesslich die Überlegenheit von Ganesha anerkannt. Ganesha ist ein sehr beliebter Gott, der als Hürdenentferner gilt, aber an Thaipusam wird “Murrgans” Geburtstag gefeiert (Im zehnten hinduistischen Monat Thai, wenn der Stern Pusam bei Vollmond im Himmel steht). Murugan nennt einen Speer, den Vel, sein eigen, welcher als Symbol des Guten gilt. An Thaipusam bedanken sich Hindus bei der Gottheit, und erfüllen ihre Gelöbnisse. Sie bedanken sich dafür, das Wünsche (Kinder, Studium, Erfolg) in Erfüllung gegangen sind. Das größte Geschenk, daß man Murugan machen kann, ist der Schmerz, und das konnten wir an diesem Donnerstag deutlich spüren.

IMG_2303 (Small).JPGIMG_2284 (Small).JPG Angespannte Atmosphäre am Tempel.

Um kurz nach 7 Uhr waren wir am Sri Muthu Mariamman Tempel in der Lorong Kulit, wo die Prozessionen starteten. Im Tempel riecht es nach Räucherstäbchen und Puder, es ist stickig und eine gewisse Anspannung ist zu spüren. Laute indische Musik tönt aus einer Stereoanlage. Der Raum ist gefüllt mit Gläubigen, die dort ihre Vorbereitungen treffen und sich waschen. Sogleich wurden wir auch Zeuge des ersten Devotees (Sich Hingebenden). Ein Inder mittleren Alters, der das Gesicht vor Anspannung und Schmerz verzerrt, und kräftig pustet bei jedem Haken der im in den Rücken gestochen wird. An seinem Rücken befinden sich schon zwei Reihen von Haken, die parallel vertikal verlaufen und an denen Seile angebracht wurden die vom Priester stramm gehalten werden. An seinem Bauch befinden sich kleine Haken mit daran baumelnden Milchkännchen. Der Mann befindet sich in einer Art Trancezustand, mit starrem Blick, manchmal ein wenig dämonisch wirkend, ab und an mit einem Ausschrei. Unterstützt wird er von Freunden und Verwandten, die ihn bei diesem Opfer beistehen und laut mit “Vel, Vel!” auf die Predigt des Priesters antworten.
Zum Abschluß wird dem Devotee noch ein Spieß durch die Backen gestochen, wobei er wieder einen ziemlichen Schrei von sich gibt (nicht daß er sich daran schon gewöhnt haben sollte). Der nun völlig gepiercte Inder langt immer mal wieder in eine Schale mit weißer Asche (Vibuthi genannt) und Limonen, und segnet damit seine Angehörigen in dem er deren Stirn markiert. Als plötzlich ein Gesegneter in lautem Gekreiche ohnmächtig wird und am Boden liegt, wird einem klar was für Emotionen in diesem Ritual stecken. Kurz darauf marchiert der Devotee los und setzt mutig einen Fuß vor den anderen. Ein Angehöriger zieht von hinten an den Seilen (alternativ kann auch ein Karren gezogen werden), ein Marsch von 2 Kilometern zum Zieltempel am Berg steht bevor.

IMG_2273 (Small).JPGIMG_2274 (Small).JPGIMG_2275 (Small).JPGIMG_2299 (Small).JPG Murrrrrgan, alles für Dich! (Man achte auf die Augen)

Hier das passende Video!

Vor dem Tempel, bei langsam aufgehender Sonne, bereiten sich andere Menschen auf ihr Opfer vor. Von Menschentrauben umringt erhalten einige dieselbe Prozedur wie unser erster Devotee im Tempel. Es sind sogar auffällig viele Chinesen dabei, die anscheinend zum Hinduismus konvertiert sind. Das Meistgewählte Gelöbnis ist aber nicht diese extreme Art des Piercings. Die Meisten belassen es beim Tragen einer Milchkanne, die sie auf ihren Kopf stellen, was natürlich auch kein Pappenstiel ist, besonders für ältere Menschen (die Milchträger nennen sich Pal Codum). Die Milch spielt übrigens eine zentrale Rolle, diese wird nämlich am Zieltempel in eine Quelle gegossen. Eine andere Gelöbnisversion ist das Tragen von kleinen Holztempeln auf den Schultern, diese können aber auch zu ganz großen künstlerichen Deko-Aufbauten ausarten, deren Träger meist wild tanzen. Dann gibt es noch Leute die auf Nagelschuhen laufen, auch ziemlich anstrengend. Eine weniger anstrengende Variante ist das Rasieren des Haupthaars, aber für die Damen dann auch irgendwie nicht optimal (zum verbildlichen: einfach an eine indische Sigourney Weaver denken). Alle diese Gelöbnisse werden übrigens Kavadis genannt.

IMG_5025 (Small).JPGIMG_2319 (Small).JPGIMG_2323 (Small).JPG Es zwickt und zwackt ein wenig, aber wen haut das schon um?

IMG_2342 (Small).JPG Eine ziemlich seltene Variante, der Nagelschuh.

Ganz ohne Ballast (außer meiner Kameratasche) nehmen wir die zwei Kilometer Marsch in Angriff. Am Straßenrand reihen sich bunt dekorierte Buden aneinander, an denen Getränke und Essen verteilt werden. Indische Musik tönt aus den Boxen, in der Mitte ist meist ein Schrein (mit Diskolicht) für Ganesha plaziert (irgendwie gemein, und das an “Murrrgans” Geburtstag). Jede größere Firma aus Penang ist mit einer Bude präsent und nimmt so an diesem Fest teil. Auch Deutschland wird sozusagen repräsentiert, und zwar durch die Firmen Bosch und Schenker.
Auf unserem Weg begegnen wir immer mehr gläubigen Indern die ihr Ritual verrichten oder einfach nur zusammenkommen um zu feiern. Ab und an hatte das ganze ein wenig Rummelplatz oder Volksfestatmosphäre: Süssigkeiten und Souvenirs werden verkauft.

IMG_5031 (Small).JPGIMG_5035 (Small).JPGIMG_5027 (Small).JPGIMG_5044 (Small).JPGIMG_5036 (Small).JPGIMG_5041 (Small).JPGIMG_5040 (Small).JPGIMG_2334 (Small).JPGIMG_2373 (Small).JPGIMG_2377 (Small).JPG Bunt dekorierte Buden, beliebter Treffpunkt, Volksfest.

Je näher wir dem Zielkommen, desto dichter wird der Pilgerstrom. Das Ziel ist ein Tempel auf einem kleinen Berg. Am Fuße des Berges, wo sich ein anderer Tempel befindet, sammeln sich die Pilger und bilden eine Menschenschlange auf den 100 Stufen bis hoch zum Bergtempel. Die Menge ist nun bunt gemischt: Familien, Junge und Alte, Frauen und Männer, Devotees und ”normale” Pilger, und wir mittendrin. Alles gehen  Immer wieder “Vel, Vel!” Rufe im Takt, aus Lautsprechern kommt immer noch religiöse Musik.

IMG_2367 (Small).JPGIMG_2389 (Small).JPGIMG_2394 (Small).JPGIMG_2402 (Small).JPGIMG_2382 (Small).JPGIMG_2393 (Small).JPGIMG_2390 (Small).JPGIMG_2383 (Small).JPGIMG_2391 (Small).JPG Thaipusam Menschen.

Hier ein Video von der Prozession.

Wir entschließen uns nicht bis nach ganz oben zu gehen und machen uns auf den Rückweg, dieselbe Strecke noch einmal. Es werden immer mehr Menschen, immer mehr Devotees, manche mit Limonen an den Haken, einige sogar mit großen Kokosnüssen. Beeindruckend ist auch mitanzusehen wie man bei diesen körperlichen Strapazen, und bei immer stärker werdender Sonne, noch die Energie aufbringen kann zu tanzen (barfuß wohlgemerkt). Devotees tanzen mit Ihren Freunden, ein indischer Junge beeindruckt durch seine Tanzfähigkeiten (wurde Breakdance in Indien erfunden?), die Pagodenträger lassen ihre Pagoden rasant kreisen. Uns begegnen sogar zwei voll gepiercte “Orang Putih” (Weiße), die sichtlich erschöpft wirkten. (Ob sie wussten auf was sie sich da einlassen?)  So wird es den ganzen Tag gehen, und der hatte erst angefangen.

IMG_5087 (Small).JPG Manchmal muß man ein wenig zügeln.

IMG_5089 (Small).JPGIMG_2362 (Small).JPG Danach gibts Pina Colada und Caipirinha.

IMG_5090 (Small).JPGIMG_5091 (Small).JPG Tja, Wette verloren?

IMG_2354 (Small).JPGIMG_2422 (Small).JPGIMG_2416 (Small).JPG In der Sonne ist das Geschenk an Murugan viel schmerzhafter und größer.

Die passenden Videos: hier und hier und hier (den crazy Breakdancer unbedingt anschauen).

Auf dem Weg zurück zum Hotel konnte man sich ein wenig die Straßen von Penang anschauen. Die Shophouses erinnern an Melaka, es gibt aber viel mehr prächtige Alleen mit tropischen Bäumen, und herrschaftliche Villen die von der Gründerzeit zeugen. Auf jeden Fall eine Stadt, die ich noch einmal erforschen muß.
Zu Mittag fuhren wir dann zum Ferringi Beach um uns am Strand ein wenig zu erholen und das Meer zu geniessen.
Müde und voller neuen Eindrücke machten wir uns dann auf den Weg nach hause. Man mag sich kurz vorstellen, ob solch ein Spektakel in Deutschland möglich wäre und denkt sofort an Behörden, die da wohl Alarm schlagen würden.
Auf jeden Fall schönen Dank an Sarvin, der diese Tour ermöglicht hat.
 

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